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Der produktive Störfall oder warum Kunst in die Arbeitswelt gehört

Für eine Studie schickte die University of Pennsylvania Medizinstudenten ins Kunstmuseum. Nicht als kulturelles Rahmenprogramm, nicht zur Erholung zwischen zwei Prüfungen. Als Training.

Sechs Sitzungen, je neunzig Minuten, vor Gemälden im Philadelphia Museum of Art. Danach konnten sie besser (hin-) sehen, auch dort, wo es um Krankheitsbilder ging.

Als ich davon hörte, war mein erster Gedanke: Wenn Kunst angehende Ärzte präziser sehen lässt, was könnte sie mit Menschen machen, die täglich entscheiden müssen, obwohl nie alle Informationen auf dem Tisch liegen?

Sehen lernen

Bleiben wir kurz bei den Medizinern, denn hier wurde die Wirkung am saubersten getestet. Die Studie aus Pennsylvania (Gurwin et al., 2018) war randomisiert und kontrolliert (für dieses Forschungsfeld ungewöhnlich streng angelegt). 36 Erstsemester, per Los in zwei Gruppen geteilt. Die eine Hälfte trainierte mit professionellen Kunstvermittlern Bildbetrachtung, die andere nicht.

Ergebnis: Die Museumsgruppe schnitt bei Beobachtungsaufgaben signifikant besser ab, auch bei der Beschreibung von Krankheitsbildern.

Die Idee war nicht neu. Schon 2001 hatte ein Team in Yale im Fachblatt JAMA gezeigt: Studierende, die Kunstbeobachtung übten, verbesserten ihre diagnostische Beobachtungsleistung um rund zehn Prozent.

Eine mögliche Erklärung hat der Philosoph John Dewey schon 1934 in Kunst als Erfahrung formuliert: Ein Kunstwerk ist kein Objekt, das man abhakt, sondern eine Erfahrung, die man durchläuft. Ein Bild zwingt uns in eine Reihenfolge, die wir im Alltag ständig abkürzen: erst sehen, dann deuten, dann urteilen.

Vor einem Gemälde zeigt sich schnell, wer zu früh urteilt, denn wer zu früh urteilt, übersieht alles, was nicht zur ersten Deutung passt.

Bei Quartalszahlen, Bewerbungsgesprächen und Teamkonflikten passiert derselbe Fehler: Wir deuten, bevor wir genau hingesehen haben – und halten unser vorschnelles Urteil anschließend für eine Tatsache. Kunst trainiert, diese Schritte auseinanderzuhalten.

Bild: Die Anatomie des Dr. Tulp (Rembrandt van Rijn)

Die Kunst, nicht zu wissen

Es geht aber um mehr als Beobachtung. Eine Untersuchung mit 739 Studierenden an fünf amerikanischen Fakultäten (Mangione et al., 2018) fand: Je mehr Kontakt junge Mediziner mit Kunst, Literatur und Musik hatten, desto höher waren ihre Werte für Empathie und für etwas, das im Studienjargon Ambiguitätstoleranz heißt: die Fähigkeit, Unklarheit auszuhalten, ohne vorschnell zu einer bequemen Antwort zu flüchten. Und desto geringer war zugleich ihr Burnout-Risiko.

Ehrlicherweise: Das ist eine Korrelationsstudie. Vielleicht suchen empathische Menschen einfach häufiger den Weg ins Konzert. Aber eine kleine israelische Studie (Bentwich & Gilbey, 2017) liefert zumindest einen Hinweis auf die Wirkrichtung: Nach einer 90-minütigen Kunstbetrachtung berichteten viele Studenten, dass sie offener für mehrere mögliche Deutungen geworden seien. Ein Beweis ist das nicht; die Untersuchung beruhte auf Selbstauskünften und hatte keine Kontrollgruppe.

Aber hier wird es für die Arbeitswelt interessant: Ambiguitätstoleranz ist keine medizinische Spezialkompetenz. Sie ist der Stoff, aus dem fast jede anspruchsvolle wirtschaftliche Entscheidung besteht. Der Markteintritt, für den es gute Argumente in beide Richtungen gibt. Die Kandidatin, die auf dem Papier nicht passt und im Gespräch überzeugt.

Ein Excel-Sheet verführt zur schnellen Antwort. Ein Gemälde verweigert sie.

Genau deshalb ist das Museum ein Trainingsraum für etwas, das kein Dashboard der Welt vermitteln kann. Und je mehr Routineanalyse die KI übernimmt, desto größer wird ausgerechnet der Anteil unserer Arbeit, der aus solchen Entscheidungen besteht.

Bild: Landschaft mit dem Sturz des Ikarus (Pieter Bruegel der Ältere) (Frage:Findest Du Ikarus?)

Der Störfall im Konzern

Nun ist der Weg vom Hörsaal in die Chefetage weit. Funktioniert das auch dort, wo gearbeitet, verhandelt, budgetiert wird?

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat genau das jahrelang untersucht. Unter dem Titel Artistic Interventions in Organizations erforschte die Soziologin Ariane Berthoin Antal, was passiert, wenn Künstlerinnen und Künstler für Wochen oder Monate in Unternehmen arbeiten. Sie sind keine Dekoration, sondern Fremdkörper mit Auftrag. Der Befund: Solche Interventionen können neue Sicht- und Arbeitsweisen anstoßen. Menschen stellen Fragen, die im Prozesshandbuch nicht vorgesehen sind. Teams entdecken Spielräume, die vorher unsichtbar waren.

Aber sowas passiert nicht automatisch! Ein Vergleich von sechs Fällen in vier Ländern (Berthoin Antal et al., 2019) zeigt die Bedingung: sichtbare Rückendeckung des Top-Managements. Wo die Führung das Experiment nur duldete, statt es zu legitimieren, verpuffte der Effekt.

Kunst im Konzern ist ein produktiver Störfall. Aber ein Störfall, den man heimlich im Keller hält, stört niemanden.

Und bewirkt auch nichts.

Genau deshalb setzen inzwischen auch Programme zur Führungskräfteentwicklung auf Theater, Musik oder gemeinsame Bildbetrachtung (Adler, 2006; Taylor & Ladkin, 2009): nicht als Event, sondern als Irritation eingeübter Sichtweisen.

Bild: Carmen Laezza (Unsplash)

Kunst ist kein Innovationsschmiermittel

Jetzt der Einwand, der mir beim Schreiben im Nacken saß. Und der diesmal nicht von den „Kunstverächtern“ kommt, sondern von der Soziologie.

Luc Boltanski und Ève Chiapello haben in Der neue Geist des Kapitalismus eine unbequeme Geschichte erzählt: Der Kapitalismus hat die sogennante Künstlerkritik der Sechzigerjahre (Autonomie! Kreativität! Selbstverwirklichung!) nicht bekämpft. Er hat sie geschluckt. Heraus kam die Projektarbeitswelt mit Kreativ-Workshops, Design Thinking und Bällebad im Büro. Die Kritik wurde zum Betriebsmittel.

Die Gefahr ist also real: Eine Kunst, die nur noch als Innovationsschmiermittel engagiert wird, hört auf, Kunst zu sein. Und verliert damit (Achtung: das ist die Ironie) exakt die Wirkung, für die man sie eingekauft hat.

Unternehmen wollen von der Kunst die Kreativität, aber bitte ohne die Widerspenstigkeit. Das ist, als wollte man das Feuer ohne die Hitze.

Wer Kunst ins Unternehmen holt und vorher festlegt, welche Kennzahl sie verbessern soll, hat den Störfall bereits entschärft. Eine ernst gemeinte Intervention braucht die Möglichkeit, unbequem, unplanbar oder sogar zunächst nutzlos zu sein.

Genau das zeigen auch die WZB-Fälle: Wirkung entstand dort, wo man dem Fremdkörper Raum ließ. Nicht dort, wo man ihn sofort in Kennzahlen presste. Wer Ausgabe 5 dieses Newsletters („Der Möglichkeitssinn oder was kein Fachartikel kann“) gelesen hat, kennt die Paradoxie: Der Nutzen ist real. Aber er ist ein Nebenprodukt der Zweckfreiheit. Er lässt sich ernten, nicht erzwingen.

Bild: Las Meninas (Diego Velázquez)

Der Museumsbesuch als Betriebsausgabe

Was heißt das nun praktisch?

Ich bin gerade in einer Gründungsphase. Mein Kalender liefert mir täglich gute Gründe, warum ein Museumsbesuch warten kann. Erst die Website, dann das Angebot, dann die nächste Präsentation. Kultur rutscht dabei erstaunlich schnell in die Kategorie „später“.

Genau das ist das Problem. Denn ausgerechnet jetzt brauche ich sie: um genauer hinzusehen, die erste Antwort nicht mit der richtigen zu verwechseln und eine Weile auszuhalten, dass noch nicht alles eindeutig ist.

Kultur ist nicht deshalb wertvoll, weil sie uns produktiver macht. Aber sie verändert, wie wir wahrnehmen, urteilen und entscheiden. Und das bleibt selten ohne Folgen für unsere Arbeit.

„Rechnet sich das?“ ist für mich also eigentlich schon die falsche Frage. Erstaunlich bleibt, dass wir die dritte Abstimmungsrunde des Tages selbstverständlich als Arbeit verbuchen und zwanzig Minuten vor einem Bild als Luxus.

Bild: privat

Quellen

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