„Bücher? Nein, ich lese keine Bücher. Nur Fachartikel. Für alles andere habe ich keine Zeit.“
Ich höre Stolz in ihrer Stimme. Sie hält es für ein Zeichen von Effizienz. Ich verstehe diese Denkweise sogar irgendwie. Wir haben alle nur begrenzt Zeit. Aber etwas an dieser Sicht macht mich nachdenklich. Ist das nicht die teuerste „Sparmaßnahme“, die man sich 2026 leisten kann? Denn sie spart ausgerechnet dort, wo man sich heute weiterentwickeln müsste: bei Fähigkeiten, die der Arbeitsmarkt honoriert und die sich nicht einfach automatisieren lassen.
Vom Stolz, keine Zeit zu haben
Fangen wir bei der Haltung an, mit der dieser Satz gesagt wird. Denn „Ich habe keine Zeit zu lesen“ ist selten nur eine Auskunft über den Kalender. Es ist eine Auskunft über die Prioritäten. Und manchmal auch über Rang.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Silvia Bellezza und ihre Kollegen haben das in einer vielzitierten Studie untersucht: In modernen Arbeitskulturen ist Beschäftigtsein selbst zum Statussymbol geworden. Wer „keine Zeit“ hat, signalisiert: Ich bin gefragt, knapp, unverzichtbar.
Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung. Lange zeigte sich gesellschaftlicher Rang auch darin, dass man Muße hatte. Zeit zum Lesen, Denken, Spazieren, Reisen, Reden. Nicht, weil das alles dekorativ war, sondern weil Muße als Voraussetzung eines guten Lebens galt. Heute ist es umgekehrt: Status zeigt, wer demonstrativ ausgelastet ist.
„Ich lese nur Fachartikel“ heißt in dieser Logik übersetzt: Ich bin zu produktiv für Romane.
Der Haken: Was hier als Stärke inszeniert wird, ist betriebswirtschaftlich ein Fehler. Du steckst deine knappste Ressource, die Aufmerksamkeit, in etwas, was am leichtesten zu ersetzen ist
Muße ist kein Leerlauf
Josef Pieper hat dafür schon 1948 eine Unterscheidung angeboten, die heute wieder unangenehm genau trifft. In Muße und Kult beschreibt er Muße nicht als Pause zwischen zwei Arbeitsleistungen, sondern als das, worauf Kultur aufbaut: einen Zustand, in dem der Mensch die Welt nicht nur funktional betrachtet, sondern sich ihr zweckfrei öffnet.
Ohne diesen Zustand bleibt Denken leicht im Modus des Betriebs: reagieren, erledigen, optimieren.
Das ist nicht nostalgisch gemeint. An der Universität Freiburg gab es von 2013 bis 2021 einen eigenen Sonderforschungsbereich, der sich mit Muße befasst hat. Der Philosoph Jochen Gimmel bringt es im Deutschlandfunk-Kultur-Format Sein und Streit auf den Punkt: Muße ist nicht das Gegenteil sinnvoller Tätigkeit, sondern ihr Inbegriff. Der Moment, in dem man etwas um seiner selbst willen tut, nicht wegen des Ergebnisses.
Genau deshalb ist Lesen so schwer zu verteidigen. Ein Fachartikel lässt sich begründen. Er zahlt auf ein Thema ein. Er wirkt professionell. Man kann ihn zitieren, zusammenfassen, verwerten.
Ein Roman dagegen verlangt Zeit, ohne sofort zu sagen, was dabei herauskommt.
Aber: das ist die Magie.

Was die Wirtschaft wirklich sucht
Schauen wir nüchtern auf den Markt. Wofür zahlt er eigentlich jetzt, in einer Zeit, in der die KI das reine Faktenwissen praktisch verschenkt?
Nicht mehr fürs Abrufen von Information. Das übernimmt die Maschine, schneller und vollständiger, als ein Mensch es könnte.
Der Markt zahlt für das, was darüber liegt: Urteilskraft, Kommunikation, das Führen von Menschen, das Aushalten von Mehrdeutigkeit, das Gespür dafür, was in einem Raum wirklich passiert.
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum bestätigt das mit Zahlen. Analytisches Denken bleibt für Arbeitgeber weltweit der wichtigste Kernskill. Gleichzeitig zählen Führung und soziale Einflussfähigkeit, Empathie und aktives Zuhören, Neugier und lebenslanges Lernen zu den entscheidenden Fähigkeiten der kommenden Jahre.
Dazu passt ein Befund aus der Führungsforschung: In einer DDI-Studie mit mehr als 15.000 Führungskräften aus über 300 Organisationen und 18 Ländern schnitten Absolvent geistes- und kulturwissenschaftlicher Fächer in mehreren Leadership-Kompetenzen besonders stark ab. Überragende tiefe spezifische Fachkenntnisse waren nicht der Grund: Das Deuten, Abwägen und der Umgang mit Mensch offenbar schon eher.
Und Kultur ist dabei nicht nur ein schöner Kostenblock. Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland erzielte 2023 eine Bruttowertschöpfung von rund 123 Milliarden Euro. Fast zwei Millionen Erwerbstätige arbeiten in der Branche, rund 238.000 Unternehmen gehören dazu.
Die ökonomische Frage lautet also nicht: Kannst du dir Kultur leisten? Sondern: Kannst du dir ihren Verzicht leisten?
Der Möglichkeitssinn
An dieser Stelle beginnt das, was Robert Musil den Möglichkeitssinn nannte.
Der Wirklichkeitssinn fragt: Was ist der Fall? Was steht in der Studie? Was sagt die Datenlage?
Der Möglichkeitssinn fragt: Was könnte auch anders sein? Was übersehen wir? Welche Zukunft ist noch nicht beschrieben, aber bereits denkbar?
Fachartikel sind stark im Wirklichkeitssinn. Sie ordnen, verdichten, belegen. Aber sie trainieren selten die Fähigkeit, eine Situation innerlich anders zu betreten. Ein Roman kann genau das. Er sagt nicht nur, was ist. Er öffnet, was sein könnte.
Und genau darin liegt auch sein ökonomischer Wert: Innovation beginnt selten mit mehr Information. Sie beginnt mit der Zumutung, sich eine andere Wirklichkeit vorstellen zu können.
Was das Lesen kann
Die Psychologen Keith Oatley und Raymond Mar beschreiben Literatur als Flugsimulator des sozialen Lebens. Wer einen Roman liest, durchläuft Hunderte fremde Perspektiven, Motive, Widersprüche. Man übt genau das, was sich sonst nur durch teure, oft schmerzhafte Erfahrung bildet: das Lesen von Menschen — als eine Simulation sozialer Erfahrung, die direkt im Kopf der Leserin abläuft, ganz ohne Risiko.
Die Forschung ist hier ehrlicherweise differenziert. Die bekannte Studie von Kidd und Castano (2013), nach der schon eine literarische Textpassage das Einfühlungsvermögen messbar erhöht, ließ sich in dieser kurzfristigen Form nicht zuverlässig wiederholen. Belastbarer ist der lange Bogen: Wer über Jahre Belletristik liest, schneidet in Tests sozialer Wahrnehmung im Schnitt besser ab. Nicht die einzelne Lektüre macht den Unterschied, sondern die Gewohnheit, über Jahre dabeizubleiben.
Martha Nussbaum nennt das die narrative Einbildungskraft: die Fähigkeit, sich konkret vorzustellen, wie es ist, ein anderer Mensch zu sein. Sie entwickelt den Gedanken in Poetic Justice (1995) über die Figur des „urteilsfähigen Zuschauers“. Eine Idee, die sie von Adam Smith übernimmt: Wer gut urteilen will, braucht nicht nur Fakten. Er braucht auch die Fähigkeit, sich in fremde Lebenslagen hineinzudenken, ohne die eigene Urteilskraft aufzugeben. Das nennt sie poetic justice: eine Gerechtigkeit, die erst durch literarische Vorstellungskraft möglich wird. In Not for Profit (2010) macht sie daraus eine politische These: keine funktionierende Demokratie ohne diese Fähigkeit. und, so würde ich ergänzen, keine gute Führung ohne sie.
Übersetzen wir das ins Konkrete: Eine Verhandlung scheitert selten an Zahlen, sondern daran, dass du dein Gegenüber falsch gelesen hast. Eine Veränderung im Unternehmen scheitert selten an der Logik, sondern an unausgesprochenen Ängsten, die niemand benannt hat. Eine Einstellung kann zum Fehlgriff werden, weil du den Lebenslauf gelesen hast, aber nicht den Menschen.
In jedem dieser Momente entscheidet genau die Muskulatur, die der Roman trainiert. Nur dass auf der Rechnung am Ende nicht „Belletristik“ steht, sondern „gute Führung“.

Der falsche Nutzen
WICHTIG: Wer Kunst nur über ihren Nutzen verteidigt, verrät sie. Ein Roman ist kein Trainingsgerät. Man liest die Buddenbrooks nicht, um die nächste Beförderung zu holen, und ein Bild, das man auf seine Wirkung berechnet, ist kein Kunstwerk mehr, sondern eine Folie.
Denn der „Trick“ liegt genau darin: Kultur wirkt nur, wenn man sie nicht zweckhaft betreibt. Der berufliche Gewinn ist ein mögliches Nebenprodukt. Er stellt sich ein, weil man sich auf die Geschichte um ihrer selbst willen eingelassen hat, nicht obwohl. Wer den Roman als Self-Improvement-Übung abarbeitet, bekommt weder das eine noch das andere.
Die richtige Haltung ist also nicht: „Ich lese, um besser zu führen.“ Sondern: „Ich lese — und führe nebenbei besser.“ Der ökonomische Wert ist real. Er lässt sich nur nicht erzwingen.
„Auskunft ist nicht Einsicht“
Und damit zurück zum Anfang. Ein Fachartikel transportiert das, was Detlef Schoder in der FAZ abundantes Wissen nennt: regelhaft, kodifizierbar, im Überfluss verfügbar. Genau die Sorte Wissen, die eine KI heute in Sekunden zusammenfasst.
Schoders entscheidender Satz: „Was die Maschine liefert, ist Auskunft, nicht Einsicht.“
Die Frau vom Angfang verbringt ihre Zeit also genau mit dem, was ChatGPT ihr ohnehin abnimmt. Und sie verzichtet auf das Einzige, was die Maschine nicht kann: die langsame, körperliche, empathische Erfahrung einer fremden Innenwelt. Einen Roman kann man sich nicht „briefen lassen“. Seine Wirkung entsteht nur, wenn man selbst hindurchgeht.
Wer 2026 „nur noch Fachartikel“ liest, hat seine Lektüre exakt auf den Teil reduziert, den die KI übernimmt und den Teil gestrichen, der ihn von ihr unterscheidet.
Gönnt Euch!
Das Statussignal ist nicht, keine Zeit für Romane zu haben. Das Statussignal ist, sich die Zeit zu nehmen. Auch und vielleicht auch gerade, weil du sie nicht hast.
Nicht als Belohnung für getane Arbeit. Sondern als Arbeit an dem Menschen, der man im Beruf sein will: jemand, der sich in andere hineinversetzen kann, der Mehrdeutigkeit aushält, der merkt, wann eine Antwort glatt klingt und trotzdem nichts sagt.
Der Roman ist nicht das, was übrig bleibt, wenn die Arbeit getan ist.
Er ist eine der besten Investitionen in die eigene berufliche Substanz, die ich kenne (getarnt als Vergnügen).
Ich gönne mir diese Woche wieder einen. Mitten am Tag, ohne schlechtes Gewissen. Und es fühlt sich an wie die produktivste Stunde meines Tages.

Welcher Roman hat dich beruflich mehr verändert als der letzte Fachartikel, den du gelesen hast — und warum?
Quellen & Weiterführendes
· ARTE Mediathek (Dokumentation): Aufmerksamkeitsökonomie & Neuro-Kapitalismus. (Verfügbar in der ARTE-Mediathek – zeigt bildstark, warum unsere ungeteilte Aufmerksamkeit das wertvollste Gut der Gegenwart ist).
· Bellezza, S., Paharia, N. & Keinan, A. (2017): Conspicuous Consumption of Time: When Busyness and Lack of Leisure Time Become a Status Symbol. Journal of Consumer Research.
· Deutschlandfunk Kultur (Podcast): Sein und Streit. Regelmäßige Episoden zur Philosophie der Aufmerksamkeit und des Analogen (u. a. mit Beiträgen von Dr. Jochen Gimmel aus dem ehemaligen SFB „Muße“ der Universität Freiburg).
· Hidden Brain (Podcast): The Empathy Gym. (Eine Episode über die Psychologie von Geschichten und wie das „Fitnessstudio der Fiktion“ unsere sozialen Fähigkeiten trainiert).
· Kidd, D. C. & Castano, E. (2013): Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind. Science. (Anmerkung: Kurzfristiger Effekt in Replikationen umstritten; Langzeit-Zusammenhang bei Gewohnheitslesern robuster).
· Lanz + Precht (Podcast): Folge #247: Nimmt uns KI die menschliche Kreativität? (Ausstrahlung vom 28. Mai 2026).
· Mar, R. A. & Oatley, K. (2008): The Function of Fiction is the Abstraction and Simulation of Social Experience.Perspectives on Psychological Science.
· Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2024 (Daten 2023): Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.
· Nussbaum, Martha (2010): Not for Profit. Why Democracy Needs the Humanities. Princeton University Press. (Sowie erg. Poetic Justice, 1995).
· Pieper, Josef (1948): Muße und Kult. Eine philosophische Begründung. (Klassischer Grundlagentext zum Wert der Zweckfreiheit).
· Santi, M. (2025): Reading and Empathy: Qualitative insights into adolescents‘ experiences with fiction books.Literacy Journal.
· Schiller, Friedrich (1795): Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen.
· Schoder, Detlef (2026): Wie wir ausbilden sollten in Zeiten intelligenter Maschinen. Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Feuilleton vom 15. Juni 2026.
· SRF Sternstunde Philosophie (Videobeitrag): Künstliche Intelligenz – Ist der Mensch bald überflüssig?(Ausstrahlung vom 7. September 2025, mit Philosoph Christian Uhle zur Kernfrage des Menschseins).
· SRF Sternstunde Philosophie (Videobeitrag): Was bleibt vom Menschsein übrig? (Miriam Meckel & Léa Steinacker im Gespräch zu ihrem Buch „Alles überall auf einmal“).
· Wolf, Maryanne (2019): Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das tiefe Lesen nicht verlernen dürfen.Penguin Verlag. (Das neurowissenschaftliche Standardwerk zum „Deep Reading“).
· World Economic Forum (2025): The Future of Jobs Report 2025. World Economic Forum, Geneva. Veröffentlicht am 7. Januar 2025. (Vgl. Kapitel 3: „Skills outlook“, Abschnitt „Core skills“).
