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Milli Vanilli und das Ende der Echtheit

Als Anfang der 1990er Jahre an die Öffentlichkeit kam, dass Milli Vanilli ihre Songs gar nicht selbst sangen, war das ein Skandal. Menschen fühlten sich belogen und betrogen. Die beiden Stars von Milli Vanilli mussten ihre Grammys zurückgeben und es entstand ein wahnsinniger Reputationsschaden für eine ganze Branche. Plötzlich stand eine Frage im Raum, die weit über zwei Popstars hinausging:

Was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr wissen, wer wirklich hinter einem Werk steckt?

Heute wirkt diese Empörung fast seltsam weit entfernt. Denn die Grenze hat sich verschoben. Mehr als 40 % der täglich bei Deezer hochgeladenen Songs sollen inzwischen KI-generiert sein. Amazon wird geflutet von KI-Büchern. Schauspieler werden digital verjüngt oder nach ihrem Tod wieder auf die Leinwand gebracht. Stimmen lassen sich inzwischen nahezu perfekt imitieren. Und trotzdem bleibt die große gesellschaftliche Empörung weitgehend aus. Vielleicht, weil wir uns längst daran gewöhnt haben, dass zwischen Werk und Mensch immer mehr Technologie liegt.

Milli Vanilli 1989 Foto:DPA

Die Schwierigkeit dieser Debatte ist, dass die Grenzen längst unscharf geworden sind. Musik wird bearbeitet. Filme leben von digitalen Effekten. Bilder werden optimiert und Texte mit KI geglättet. All das akzeptieren wir problemlos. KI als Hilfsmittel ist genau so in Ordnung wie Füller, Schreibmaschine oder Computer. Zumindest solange wir glauben können, dass irgendwo noch ein menschlicher Kern existiert. Doch genau das scheint sich gerade zu verschieben. Immer häufiger zählt offenbar vor allem das Ergebnis. Wenn ich keinen Unterschied mehr zwischen künstlicher und menschlicher Musik erkenne — und sie mir sogar gleich gut gefällt — wo genau ist dann eigentlich noch das (mein) Problem?

Früher war die Täuschung selbst der Skandal. Heute wird es kaum noch als Täuschung empfunden. Es scheint akzeptabel zu sein, solange das Ergebnis überzeugt. Der Markt kennt keine Echtheit. Er kennt Aufmerksamkeit. Will das KI-Ergebnis jemand hören, lesen oder sehen? Wenn ja, dann scheint die Sache für viele bereits entschieden. Das klingt zunächst pragmatisch. Vielleicht sogar vernünftig.

Aber irgendetwas daran irritiert mich trotzdem. Ich suche in Kunst und Kultur nicht nur Unterhaltung oder Qualität. Ich suche auch Spuren eines echten Lebens.

Würde ich den Unterschied zwischen einem KI-Roman und einem von Menschen geschriebenen Roman erkennen? Sehr gerne würde ich voller Überzeugung Ja sagen. Aber ganz sicher bin ich mir nicht mehr.

Vor allem seit ich auf den Thomas-Bernhard-Chatbot im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek gestoßen bin. Dort wird Thomas Bernhard mithilfe von KI gewissermaßen wieder zum Sprechen gebracht. Die Ausstellung soll zeigen, was menschliche Kreativität ausmacht — und gleichzeitig demonstrieren, wie nah KI der Produktion von Literatur inzwischen kommt. Und genau das hat mich irgendwie mehr irritiert als beeindruckt.

Nicht, weil diese KI „schlecht“ wäre. Das kann ich gar nicht beurteilen. Aber für mich verschiebt sich damit immer häufiger die Frage. Früher ging es vereinfacht gesagt darum: „Ist das gut?“ Jetzt muss ich mich immer häufiger fragen: „Ist das überhaupt noch echt?“.

Foto: ONA

Es geht also nicht um die Frage: merke ich den Unterschied?  Die spannendere Frage lautet für mich: Warum stört mich das überhaupt so?

Warum will ich, dass es nur Val-Kilmer-Filme gibt, die er tatsächlich selbst gedreht hat? Warum wünsche ich mir keinen „neuen“ Marlen-Haushofer-Roman, obwohl ich mich eigentlich tierisch freuen würde, noch mehr von ihr lesen zu können? Rein rational ergibt das kaum Sinn. Wenn der Text gut wäre — warum sollte ich ihn dann ablehnen? Wenn der Film funktioniert — warum sollte mich die Entstehung überhaupt interessieren?

Und trotzdem bleibt mein Störgefühl. Vielleicht liegt es an der Begrenzung. Daran, dass ich weiß: Irgendwann ist Schluss. Ein Werk kann nicht endlos produziert werden! Dahinter stehen Menschen, die altern, scheitern, erschöpft sind und eben irgendwann verschwinden…

Für mich gehört genau das zur Bedeutung von Kunst. Es zählt nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Umstände und Bedingungen. Ich will mir vorstellen, wie die Stimmung am Filmset war. Ich möchte wissen, ob die Schauspieler Lampenfieber haben, ob sie erschöpft sind. Ob meine Lieblingsschriftsteller Schreibblockaden haben. Und ob sie noch am Leben sind.

Kunst berührt mich auch deshalb, weil ich spüren kann, dass auf der anderen Seite ebenfalls ein begrenztes Leben steht.

Das ist für mich der elementare Unterschied: KI endet nicht. Sie lässt sich endlos fortsetzen, reproduzieren und skalieren. Sie kann uns mit Musik, Bildern, Texten und Stimmen überfluten. Klar, das kann mich auch unterhalten. Manches davon wird mich vermutlich auch begeistern. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass mit der unbegrenzten Reproduzierbarkeit etwas verloren geht.

Je grenzenloser Kultur verfügbar wird, desto wertvoller wirkt doch plötzlich das Unwiederholbare.

Womöglich zieht es mich deshalb gerade stärker ins Theater. Dort gibt es keine perfekte Version und keine ewige Fortsetzung. Es gibt nur diesen einen Abend mit genau dieser Vorstellung. Eine Stimme, die heute anders klingt als gestern. Einen kleinen Fehler, eine andere Betonung, eine minimale Veränderung, die den ganzen Moment einzigartig macht.

Deshalb: Mein Abo für die nächste Spielzeit ist bereits bestellt.

Foto: privat